„Es sind oft die kleinen Momente von Gemeinschaft“ - Ein Gespräch mit Julian Schwandner

Für unseren Dokumentarfilm über Community Music in Chemnitz hat der Regisseur Julian Schwandner gemeinsam mit seinem Team (Oliver Mohr, Alex Wolf, Johannes Tuchelt) über mehrere Monate unsere Arbeit begleitet – von den ersten Workshops bis zur Laternenparade am Ende des Jahres. Im Interview erzählt er, was ihn an dem Thema gereizt hat, wie der Film entstanden ist und welche Momente ihm besonders im Gedächtnis geblieben sind.

© Jan Felber

Was hat dich daran gereizt, einen Film über Community Music in Chemnitz zu machen? Gab es einen Moment während der Dreharbeiten, der dir besonders gezeigt hat, warum dieses Projekt wichtig ist?

Ich glaube, was mich gereizt hat, war, dass Chemnitz in der öffentlichen Erzählung oft ein sehr polarisierter Ort ist. Das hat bei mir eine große Neugier geweckt – auch, um meinen eigenen Vorurteilen ein bisschen auf die Schliche zu kommen.

Ich fand es einfach total mutig, dass jemand sagt: Wir gehen mit so einer Initiative genau in diesen Raum und versuchen dort ein Programm auf die Beine zu stellen, das Gemeinschaft und Zusammenhalt fördert. Während der Dreharbeiten hat sich dann bestätigt, dass viele meiner Vorannahmen nicht gestimmt haben – und dass solche Programme wirklich funktionieren können.

Besonders in Erinnerung geblieben sind mir viele kleine Momente. Zum Beispiel Teilnehmende bei der Laternenparade mit Merchandise vom Chemnitzer FC, die trotzdem selbstverständlich Teil dieser Gemeinschaft waren. Und das sind Bilder, die sich mir eingebrannt haben. Nicht nur, weil ich sie irgendwie beobachtet habe oder eingefangen habe für den Film, sondern, weil ich in dem Moment Teil dessen war und gesehen habe, dass es halt nicht nur auf der Fahne steht, sondern wirklich passiert, dass Leute aus allen möglichen Sparten und eben völlig egal von welchen Hintergründen, Verhältnissen oder so zusammenkommen. 

Wie lief der Prozess des Filmemachens eigentlich ab?

Als Filmteam waren wir das erste Mal im Mai 2025 in Chemnitz – und ehrlich gesagt wussten wir noch nicht genau, mit welcher Methodik wir arbeiten würden. Am Anfang waren wir nur mit einer Kamera da und hatten vorher ein visuelles Konzept entwickelt. Sehr schnell haben wir aber gemerkt, dass wir damit viel verpassen würden.

Gerade bei dokumentarischer Arbeit wollten wir möglichst wenig in die Prozesse eingreifen. Szenen zu wiederholen oder Dinge zu inszenieren hätte schnell zu unauthentischen Momenten geführt. Deshalb haben wir ab dem zweiten Drehtag mit zwei Kameras gearbeitet. Eine Kamera hat die großen Szenen eingefangen – Workshops, Paraden, Events. Die zweite hat eher ruhigere, sphärische Bilder aufgenommen: Office-Arbeit, Gespräche, alles, was im Hintergrund passiert und das Projekt am Laufen hält.

Der Prozess war insgesamt viel Learning by Doing. Die Geschichte des Films haben wir im Grunde aus den Gesprächen gebaut, die wir während der Zeit geführt haben. Im Schnitt hatten wir dann unglaublich viel Material, aus dem sich das Narrativ entwickelt hat. Der Film ist tatsächlich stark über den Ton entstanden – und die Bilder haben wir darum herum arrangiert.

Beim letzten Drehtag im Dezember, bei der Laternenparade, wussten wir dann ziemlich genau, wonach wir suchen. Dadurch konnten wir noch einmal gezielt Bilder aufnehmen, die das Narrativ des Films unterstreichen.

© Jan Felber

Was waren für dich besondere „Behind the Scenes“-Momente während der Dreharbeiten?

Es gibt unglaublich viele schöne Momente, die es gar nicht in den Film geschafft haben. Dinge, die gesagt wurden oder Begegnungen, die ich eigentlich total wichtig fand, die aber im Film keinen Platz gefunden haben.

Was mir besonders im Kopf geblieben ist, war zu sehen, wie groß der Aufwand hinter diesem Projekt eigentlich ist. Gerade gegen Ende des Jahres hat man gemerkt, wie viel Energie es dem Team abverlangt hat, dieses Programm aufrechtzuerhalten. Da wurde mir nochmal sehr bewusst, was diese Arbeit wirklich bedeutet.

Gleichzeitig waren es viele kleine Momente, in denen Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft zusammenkommen und dieses Programm genießen. Diese Begegnungen, dieser Austausch – das war unglaublich spannend zu beobachten. Und ich glaube, das werde ich noch lange im Kopf behalten.

Wenn du jetzt auf den fertigen Film schaust: Was hoffst du, dass Zuschauer*innen daraus mitnehmen?

Ich hoffe einfach, dass der Film vermittelt, worum es bei dieser Arbeit wirklich geht – dass man spürt, was sie bedeutet und was sie erreichen kann. Dass wir es geschafft haben, ein bisschen unter die Oberfläche zu gehen und auch die menschliche Seite davon zu zeigen.

Denn es sind ja nicht nur schöne und leichte Momente. Gerade beim Aufbau eines solchen Projekts kostet das unglaublich viel Energie und Kraft. Ich hoffe, dass Zuschauer*innen das verstehen und fühlen können – dass wir versucht haben, diese Arbeit von verschiedenen Seiten zu beleuchten.

Ich finde auch, dass der Film ein schönes Gegenstück zu den üblichen Erzählweisen geworden ist, die wir aus den sozialen Medien kennen. Vielleicht ermutigt er ja auch andere, Geschichten über solche Projekte auf eine ähnlich menschliche und unmittelbare Weise zu erzählen. Und ganz eigennützig hoffe ich natürlich, dass ich auch in Zukunft weiter an solchen Projekten arbeiten darf – vielleicht sogar wieder mit diesem Team.

Zum Schluss möchte ich mich einfach bei allen Chemnitzer*innen und bei Paper Lantern bedanken, die sich so offen gezeigt haben. Es war ein sehr ko-kreativer Prozess, an dem sich viele beteiligt haben – manchmal auch nur für eine Sekunde im Bild. Ich hoffe, dass man als Zuschauer*in spürt, dass dabei etwas entstanden ist, das über die Summe der einzelnen Beteiligten hinausgeht.

Die Premiere des Films findet am Dienstag, 31.3.2026 um 19 Uhr online auf der YouTube Seite des Paper Lantern Collective statt und ist öffentlich zugänglich. Im Anschluss sind Zuschauer*innen zu einem Live-Gespräch, ebenfalls auf YouTube, mit dem Filmteam sowie dem Team von Paper Lantern Collective eingeladen.

Filmpremiere

31. März 2026, 19:00 Uhr, Online auf YouTube (@PaperLanternEU)

Live Q&A

ab ca. 19:15 Uhr, ebenfalls auf YouTube (@PaperLanternEU)

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