Eindrücke aus Kyoto
Kyoto, JP - Engagement Meeting in Kyoto mit den Musikern von knocks! Horikawa
Wir wurden vom Goethe-Institut in Kyoto eingeladen, um zu sondieren wie ein Community Music Projekt oder Event hier aussehen könnte - mit dem Ziel, die Villa Kamogawa, der Ort, wo das Goethe Institut sitzt, zu öffnen und mit den Communities vor Ort zu verbinden. Es ist ein ganz neuer Kontext - und wir waren eine Woche vor Ort, haben viele Menschen getroffen und hoffen, dass wir für ein längeres Projekt zurück kommen können! Aber wie funktioniert Engagementarbeit in einem ganz anderen kulturellen Kontext?
Engagementarbeit ist die Grundlage dafür ein Community Music Projekt auf die Beine zu stellen. Jeder Ort funktioniert dabei anders, jede Institution - und das gilt es herauszufinden, auf unterschiedlichen Ebenen. Zum einen gibt es die Informationsebene:
Was passiert hier?
Welche Zielgruppen sind hier und was schätzen sie?
Was ist nicht vorhanden? Was ist das Entwicklungspotenzial?
Gibt es Interesse an einer Zusammenarbeit? Wie könnte diese aussehen?
Zum anderen ist es aber auch der erste Kontakt und damit hoffentlich der Anfang von einer Beziehung, bei der Vertrauen aufgebaut wird, Respekt, und Verständnis füreinander. Und hier wird es komplex! Ein paar Beobachtungen und Gedanken:
Ich lasse Raum dafür, was die andere Person erzählt und bin ehrlich an dem Angebot, der Struktur, den Erfolgen und den Herausforderungen interessiert.
Ich schätze wert, dass sich die Person Zeit genommen hat, mich zu treffen und sich mit mir auszutauschen.
Ich erzähle von meiner Arbeit, und finde die Balance zu begeistern, zu inspirieren, gemeinsam groß zu denken, aber auch Raum für andere Ideen zu lassen und vage zu bleiben, denn das Projekt entsteht nur durch den Austausch.
Bei all dem kommt mir eine Fähigkeit zu Hilfe, die ich als Community Musician perfektioniert habe: ich lese den Raum, ich lese die Situation und die Person, die mir gegenübersitzt. Begegnen wir uns formell, oder eher informell? Was räsoniert: gemeinsam Ideen spinnen oder konkrete Ideen mitbringen? Bleibt es vage oder gibt es den Wunsch konkrete Termine ins Auge zu fassen und erste Schritte zu planen?
Diese Gedanken und Ansätze sind für alle Begegnungen ähnlich - aber wie die ersten Gespräche tatsächlich verlaufen, hängt von der Kultur ab, in der man sich befindet.
In Deutschland (europäischem) Raum ist mein Ansatz oft eher der informelle, sehr freundlich, mit dem Versuch Sympathie herzustellen und eine Verbindung zur Person aufzubauen. Aber wie funktioniert die Arbeit in einem Land eines anderen Kulturkreises, mit anderen Gepflogenheiten , in der man die Sprache nicht spricht?
Mein erster Eindruck bei einem Treffen mit dem Leiter eines Altenheims ist: das Treffen ist sehr formell.
Der wertschätzende Austausch von Visitenkarten ist essenziell und ein kleines Eröffnungsritual, bei dem einander Respekt gezeigt wird, in einer Reihenfolge abhängig des Rangs.
Wir sind völlig abhängig von der Übersetzung - und somit gibt es keine Möglichkeiten die Zwischentöne zu hören, oder aber auch informelle Momente entstehen zu lassen.
Bewusste Anerkennung, Komplimente und Dankesworte als Wertschätzung - es fühlte sich manchmal aus meiner Gewohnheit kommenden nach “zu viel” an, aber war genau richtig.
Gerade wenn es keine weitere Verständigung gibt, ist Lächeln, Zugewandheit, “Danke” sagen mit einer kleinen Verbeugung, und Fragen stellen ein guter Weg? Ich bin gespannt auf weitere Eindrücke.
Der Fokus auf, wer verhält sich wie im Raum, wer macht was, ist maximal hoch, um nicht “das Falsche” zu machen - wann trinkt man den Tee, wie viel lässt man übrig, oder wann trinkt man aus, das Schuhe ausziehen und ordentlich in die richtige Richtung drehen, wer geht wann durch die Türe - meine Wahrnehmung ist geschärft. Und parallel folgt mein Kopf natürlich dem Gespräch, denkt aktiv über ein mögliches Projekt nach und wie es aussehen könnte, überlegt welche Frage für wann relevant ist.
Nach den Treffen bin ich voller Eindrücke und versuche das Gespräch auf den verschiedenen Ebenen zu evaluieren, zu erfassen und zu sortieren.
Gleich in den folgenden Tagen gibt es überraschender Weise auch Treffen, die weniger formell sind. Wir sind eingeladen in einen Nachbarschaftstreff, in dem u.a. auch Angebote für Kinder statt finden, die nicht zur Schule gehen. Wir dürfen bei einem Workshop dabei sein, den der Musiker Kuro (studio_musica_kyoto) gibt. Gemeinsam mit den Kids schreibt er einen Song, und alle musizieren auf ihren Lieblingsinstrumenten. Er gibt Raum zu ausprobieren, er kitzelt Ideen aus den Kids heraus, bringt alle zusammen, agiert mit den Kids auf verschiedene Art und Weise, so wie es am besten für die Einzelnen ist. All das kommt uns sehr vertraut vor - wir haben einen Community Musician getroffen, in Kyoto!
Das anschließende Gespräch ist entspannt, und von gegenseitigem Interesse und Verständnis füreinander geprägt. Schon allein durch die ähnlich Arbeitsweise gibt es so viel Verbundenheit und Anknüpfungspunkte. Auch die einzelnen Wörter auf Englisch, die Kuro kann, helfen bei dem gemeinsamem Austausch. Es war richtig tolles Erlebnis zu merken, wie verbindend eine ähnliche Arbeitspraxis ist, ähnliche Herausforderungen und ähnliche Antriebsgründe :) Und auch die Sicherheit, dass Musik und Community Music ähnlich wirkt und gemacht werden kann, unabhängig vom Kulturkreis - zumindest in diesem Setting! Wir freuen uns auf ein Wiedersehen!
Kyoto, JP - Villa Kamogawa, Sitz des Goethe-Instituts - tolle Räume, eine schöne Bibliothek und einem kleinen Garten.